Nürnberg Livinglab: Was wünscht der Nutzer?

Josephs-Projektleiterin Heike Karg © (C)2017 Thomas Tjiang, all rights reserved

Josephs-Projektleiterin Heike Karg in einer Themeninsel, in der die Besucher nach ihren Anforderungen an eine Reise-App gefragt werden.

Als Labor für Innovationen versteht sich das „Josephs“ in der Nürnberger City. Jeder kann dort neue Produkte und Ideen testen und bewerten.

Ein Scanner für die Fußvermessung, eine Schlafmaske, ein Geschmackstest mit Cold Brew Coffee oder eine App für modebewusste Menschen: Das sind einige der Produkte und Ideen, die in den letzten vier Jahren im Nürnberger „Josephs – Die Service-Manufaktur“ getestet und bewertet werden konnten. Alle drei Monate wird in der Karl-Grillenberger-Straße 3 eine neue Themenwelt präsentiert: Dort können Unternehmen eine „Insel“ mieten und ihre Produkte und Ideen vorstellen. Aktuell lautet das Motto „Mit allen Sinnen“ rund um Schönheit, Gesundheit, Chemie und Natur, im September folgt die Themenwelt „Smart Service – Daten als Rohstoff für die Angebote der Zukunft“.

Jeder Besucher kann die Angebote an den einzelnen „Inseln“ ausprobieren und kommentieren. Die Unternehmen erhalten damit Antworten etwa auf folgende Fragen: Was denken Kunden über mein neues Produkt? Wie nutzen Kunden meine neue Dienstleistung? Was kann am Produkt oder an der Dienstleistung verbessert werden? Die Besucher im „Josephs“ nehmen auf diese Weise am Innovationsprozess teil und werden zu „Co-Kreatoren“. Den Unternehmen geben die Rückmeldungen wertvolle Hinweise, um beispielsweise Prototypen weiterzuentwickeln und um Produkte und Dienstleistungen genau auf die Kundenwünsche zuzuschneiden.

Hinter der Service-Manufaktur steht die Nürnberger Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS, die zum Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS gehört. Der Name „Josephs“ leitet sich ab von Joseph von Fraunhofer, dem Namensgeber der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft. Kooperationspartner ist der Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik, insbesondere Innovation und Wertschöpfung (WI1), der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Fraunhofer SCS geht der Frage nach, wie Wertschöpfung gesteigert werden kann. Dazu zählen beispielsweise die Bereiche effizientere Netze und Prozesse, passgenaue Produkte und Services oder neue Geschäftsmodelle. Das „Josephs“, das vom Freistaat Bayern gefördert wird, ist für die Arbeitsgruppe ein wichtiger Baustein, um die eigene wissenschaftliche Expertise mit Einschätzungen von potenziellen Kunden zu kombinieren.

Die Bilanz des Nürnberger „Josephs“ seit der Eröffnung im Jahr 2014 fällt für Projektleiterin Heike Karg „sehr positiv“ aus: Die Zahl der Besucher sei im vergangenen Jahr „regelrecht explodiert“, mittlerweile kommen jeweils 3 000 bis 4 000 Menschen zu den dreimonatigen Themenwelten – Tendenz steigend. Karg erläutert am Beispiel der digitalen Fußvermessung, welche Möglichkeiten das „Josephs“ bietet: Das Gerät war zwar in technischer Hinsicht bereits ausgereift, allerdings ergab der Praxistest noch eine Reihe von Vorschlägen für eine verbesserte Handhabung. Als Mängel gaben die Besucher etwa scharfe Kanten und eine fehlende Sitzgelegenheit an, bis zur Markteinführung wurde die Lösung entsprechend verbessert. Heute ist sie u. a. bei einer Sportschuh-Kette erfolgreich im Einsatz. Oft geht es den ausstellenden Unternehmen auch darum, grundsätzliche Fragen der Akzeptanz zu klären. So fragte ein Reisebuchverlag bei den Besuchern nach, wie eine Smartphone-App beschaffen sein sollte, damit sie auch genutzt würde (z. B. hinsichtlich Gestaltung und angebotenen Zusatzinformationen). In einer anderen Themeninsel wurde ermittelt, wie viel Geld Nutzer für intelligente Mobilitätsdienstleistungen ausgeben würden.

„Besucher als Co-Innovatoren“

Für Karg ist das „Josephs“ ein offenes Innovationslabor, bei dem die Besucher zu „Co-Creatoren“ oder manchmal auch zu „Co-Innovatoren“ werden. Deshalb nennt sie die Aussteller auch lieber Forschungspartner, die ihre Neuentwicklungen einem Praxistest unterziehen und sich der Frage stellen, ob die potenziellen Endkunden die Innovation überhaupt brauchen. Die Passanten, die dem „Josephs“ in der Nürnberger Innenstadt einen Besuch abstatten, kommen nach wie vor eher zufällig vorbei – manchmal einfach, um in dem neu integrierten „Caffè Corretto“ eine Pause zu machen. Sie werden dann von den „Josephs“-Mitarbeitern angesprochen, die das Konzept vorstellen und zum Mitmachen auffordern. Das Feedback der Endverbraucher bringt für die Unternehmen einen wichtigen Erkenntnisgewinn, denn deren Kommentare erweitern die betriebsinterne Perspektive und die Ergebnisse aus der Marktforschung und sorgen damit für eine erweiterte Sichtweise.

Bei den Unternehmen scheint sich herumzusprechen, dass sich im Fraunhofer-Innovationslabor hilfreiche Informationen gewinnen lassen. Obwohl sich die Kosten für eine dreimonatige Themeninsel auf 25 000 bis 50 000 Euro belaufen, kommen immer mehr – auch von außerhalb Frankens – auf das „Josephs“ zu. Die Fraunhofer-Arbeitsgruppe wird zudem bisweilen von Interessenten aus dem In- und Ausland gefragt, ob in ihrer Region nicht auch die Eröffnung eines solchen Labors möglich wäre. Allerdings fällt zahlreichen Unternehmen die Entscheidung für eine Präsentation im „Josephs“ durchaus schwer, weil sie Ideenklau befürchten. Heike Karg hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass viele Unternehmen irrtümlicherweise annehmen, sie arbeiteten alleine an einem Thema.

Aber nicht nur Unternehmen und Gründer sind an den Themeninseln zu finden, auch Forschungsinstitute suchen das Feedback von potenziellen Anwendern. Dazu zählt der Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Universität Erlangen-Nürnberg, der sich von den Besuchern bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen für die Elektromobilität beraten lässt (Projektname „Community-basierte Dienstleistungs-Innovation für E-Mobility CODIFeY“). Als Instrumente setzen die Wissenschaftler Interviews, Befragungen und Tests ein. Die Fraunhofer experimentieren auch mit ihrer eigenen Software „Shore“: Ziel ist es, eine genaue Gesichtserkennung, Geschlechts- und Altersbestimmung zu entwickeln. Dann könnte beispielsweise Werbung in Supermärkten automatisiert eingespielt werden, um immer gezielt die „richtigen“ Kunden anzusprechen.

Neben der 400 Quadratmeter großen Themenfläche bietet das „Josephs“ einen Vortrags- und Diskussionsraum: In dieser „Denkfabrik“ werden ergänzende Themen präsentiert und Workshops abgehalten, außerdem fanden dort bisher über 700 öffentliche und geschlossene Veranstaltungen statt. Das „Josephs“ beschäftigt vier Mitarbeiter und weitere fünf bis sechs Studenten, die den Besuchern die Themenwelten erklären und sie an den einzelnen Innovationsinseln betreuen.